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Zur Zeitstruktur von Theodor Fontane:
Der Stechlin


Vorgeschichte

Das einzige Ereignis des Romans, das mit einer genauen Jahresangabe versehen wird, ist der Einzug der Barbys in die Schickedanzsche Wohnung. Laut Kapitel 12 fand dieser im Herbst 1885 statt. Aus dem Hinweis, dass seit diesem Ereignis „fast zehn Jahre [...] verflossen“ seien, kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die Romanhandlung 1894 oder 1895 einsetzt. Demnach verkehrt Woldemar seit Ende des Winters 1894 [1895], d.h. wohl seit etwa Februar/März dieses Jahres, im Barbyschen Hause. Sein Tagebucheintrag (Kapitel 12) datiert vom 18. April.
 

Romanhandlung

Der Besuch Woldemars, Rex’ und Czakos bei Dubslav ist im 1. Kapitel mit dem 3. Oktober (also 1894 bzw. 1895) exakt datiert. Die Kapitel 5 bis 10 (Fortsetzung des Aufenthalts in Stechlin sowie Besuch des Klosters Wutz) spielen sich am folgenden Tag, also am 4. Oktober ab.

Hinsichtlich des Besuchs Woldemars bei den Barbys im 11. Kapitel gibt der Text keinen zeitlichen Hinweis; allerdings kann der Zeitraum, in dem die Ereignisse der Kapitel 11 bis 20 geschehen, anhand einiger Informationen des Textes zumindest eingegrenzt werden. Im 21. Kapitel wird gesagt, dass Woldemar Anfang November aus Ostpreußen zurückkehrt, nachdem er  „für ein paar Wochen“ dorthin abgeordnet war, sodass man seine Abreise von Berlin etwa Mitte Oktober vermuten könnte. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Geschehnisse der Kapitel 11 bis 20, wie gleich ausgeführt werden soll, eine Handlungsdauer von mindestens zwei Wochen bzw. 17 Tagen (falls die Wahl in Rheinsberg-Wutz – wie heutzutage – an einem Sonntag stattfindet) erfordern. Setzt man also den Besuch Woldemars bei den Barbys (Kapitel 11) auf den frühestmöglichen Termin, den 5. Oktober, an, so ergibt sich für den Wahltag der 21. Oktober; und da bei Woldemars letztem Besuch der Barbys am Tag vor seiner Abreise (Kapitel 21) das Wahlergebnis bereits bekannt ist (es sich also kaum um den Wahlabend selbst, sondern mindestens um Montag, den 22. Oktober, handeln dürfte), kann Woldemar frühestens am 23. Oktober nach Ostpreußen aufgebrochen sein. Diese Datierung wird durch die Tatsache ermöglicht, dass zu fast allen Ereignissen der Kapitel 11 bis 20 die Wochentage angegeben werden. Über Woldemars zweiten Besuch bei den Barbys (Kapitel 13) erfahren wir am Anfang des 14. Kapitels, dass er „zu Beginn der Woche“, d.h. vermutlich an einem Montag, stattfand, sodass der erste Besuch (Kapitel 11), der drei Tage vorher erfolgte, auf den voraufgegangenen Freitag festgesetzt werden kann. (Es ist durchaus wahrscheinlich oder zumindest möglich, dass Woldemar diesen Besuch gleich am ersten Tag nach seiner Rückkehr von der Stechlin-Reise, d.h. am 5. Oktober, abstattete. Interessanterweise fiel der 5. Oktober im Jahre 1894 tatsächlich auf einen Freitag, was – wenn man Fontane die Orientierung an einem konkreten Kalender unterstellt – die Datierung ins Jahr 1894 unterstützt.)

Die Handlung der Kapitel 13 bis 17 ereignet sich nun innerhalb einer Woche, die wie folgt zusammengefasst werden kann:

Die Wahlversammlung in Stechlin, der Besuch Koselegers bei Lorenzen und die Szene im Hause Katzler (Kapitel 17-18) finden an einem Donnerstag statt, und zwar vermutlich an dem der darauf folgenden Woche (also dem 18. Oktober), da Lorenzen in seinem am Samstag bei Woldemar eintreffenden Brief einfach von „Donnerstag“ spricht. Zum Zeitpunkt der Wahl selbst (Kapitel 19-20) liefert der Text keine Angaben, außer dass sie kurz vor Woldemars Abreise nach Ostpreußen vonstatten geht (vgl. Kapitel 21), da Woldemar die Abordnung in Anbetracht der „Wahlschlappe“ seines Vaters recht willkommen ist. Berücksichtigt man freilich die im Allgemeinen erforderliche Vorbereitungszeit einer Wahl, so erscheint die (hypothetische) Festlegung des Wahltermins auf den 21. Oktober etwas zu kurzfristig, zumal die Wahlversammlung in Stechlin (Kapitel 17) in diesem Fall nur drei Tage vorher stattgefunden hätte. Andererseits jedoch könnte Woldemar, wenn die Wahl eine Woche später, d.h. am 28. Oktober, angesetzt würde, erst am 30. Oktober abreisen, was der Angabe, das Kommando nach Ostpreußen halte ihn „für ein paar Wochen von Berlin fern“ und sei „bis auf Anfang November berechnet“ (Kapitel 21), eindeutig widerspricht. Somit kann die Datierung des Wahltermins etwa auf den 21. Oktober doch aufrechterhalten werden. Für Woldemars Abreise ergäbe sich dann – wie bereits oben erwähnt – frühestens der 23. Oktober.

Zwei Tage vor Woldemars Rückkehr (d.h. etwa Ende Oktober / Anfang November) findet der Besuch Rex’ und Czakos bei den Barbys sowie das Gespräch der Regimentskameraden im Casino statt (Kapitel 21). Anfang November kehrt Woldemar aus Ostpreußen zurück; bis zur Abreise nach England verbleiben ihm noch zwei freie Tage. Am zweiten Abend besucht er die Barbys (Kapitel 22), bevor er am folgenden Tag, also am dritten Tag nach seiner Rückkehr aus Ostpreußen, nach England abreist. Am selben Tag sendet er noch einen Brief an seinen Vater ab; nach dem Empfang dieses Briefes wird Dubslav von Lorenzen besucht und unternimmt später einen Spaziergang, bei dem er die Buschen trifft (Kapitel 23). Die gesamte Handlung der Kapitel 21 bis 23 geschieht also Anfang November 1894 [1895].

Die nächste eindeutige Datierung bezieht sich erst wieder auf das Eintreffen der Briefe Dubslavs und Adelheids bei Woldemar (Kapitel 26), das mit Ende November bezeichnet ist. Allerdings lässt sich die Handlung der vorhergehenden Kapitel – ausgehend von dieser Angabe – recht gut zurückdatieren. Die offizielle Verlobung Woldemars und Armgards sowie die Benachrichtigung Dubslavs und Adelheids findet zwei Tage vor dem Eintreffen der besagten Antwortbriefe, also ebenfalls gegen Ende November, statt (Kapitel 26). Woldemars Besuch bei den Barbys mit „inoffizieller Verlobung“ (Kapitel 25) ereignete sich „wenige Tage“ vorher (vgl. Kapitel 26, Beginn). Es handelte sich um den Tag nach Woldemars Rückkehr aus England (Kapitel 25). Der Besuch der Herren Czako, Wrschowitz und Cujacius bei den Barbys schließlich (Kapitel 24) kam drei Tage vor Woldemars Rückkehr zustande, und zwar, wie dem Beginn des 25. Kapitels zu entnehmen ist, an einem Samstag. Daraus lässt sich folgern, dass Woldemar am darauf folgenden Dienstag zurückkehrte und am Mittwoch die Barbys besuchte. Die Ereignisse der Kapitel 24 bis 26 (erster Teil) können also in etwa auf den Zeitraum vom 20. bis 30. November 1894 [1895] eingegrenzt werden.

Am 24. Dezember feiern Woldemar und einige weitere Gäste Weihnachten bei den Barbys, bevor Woldemar, Armgard und Melusine am zweiten Weihnachtstag, also am 26. Dezember, nach Stechlin aufbrechen (Kapitel 26). Die Geschehnisse des 27. Kapitels ereignen sich am Abend dieses Tages. Am folgenden Tag, d.h. am 27. Dezember 1894 [1895], machen die Besucher ihre verschiedenen Besichtigungen in Stechlin (Kapitel 28-30), bevor sie die Rückreise nach Berlin antreten (Kapitel 31) und am Abend des 27. Dezember dort eintreffen (Kapitel 32). Dieser Zeitpunkt wird zu Beginn des 33. Kapitels etwas ungenauer mit  „in den letzten Dezembertagen“ bezeichnet.

Ende Februar 1895 [1896] findet die Hochzeit Woldemars und Armgards statt (Kapitel 33-35). Am Abend desselben Tages kehrt Dubslav nach Stechlin zurück, als sich erste Anzeichen seiner Krankheit zeigen (Kapitel 36). Damit beginnt die Krankheitsgeschichte Dubslavs bis zu seinem Tod, die, was genaue Datierungen betrifft, einiges zu wünschen übrig lässt. Folgende Angaben können dem Text jedoch entnommen werden:

Am Tag nach Dubslavs Rückkehr von Berlin konsultiert er Dr. Sponholz, der ihm Digitalis verordnet (Kapitel 36). Anfang März („ein schöner Frühmärzentag“) besucht ihn Baruch Hirschfeld (Kapitel 36), Mitte März kommt erneut Dr. Sponholz (Kapitel 37). Zwei Tage später reist Sponholz mit seiner Frau in die Schweiz (Kapitel 37), eine Woche darauf sendet Ermyntrud einen Brief an Koseleger, betreffend den geplanten „energischen Vorstoß gegen den Unglauben“ (Kapitel 37). Bereits am folgenden Tag besuchen Koseleger und Ermyntrud nacheinander den alten Stechlin (Kapitel 37), bevor auch Moscheles, der Vertreter von Dr. Sponholz, den Kranken aufsucht (Kapitel 38). Anlässlich des Besuches von Moscheles erfahren wir, dass dieser Tag ein Montag ist. Dies würde allerdings bedeuten, dass Koseleger den Brief Ermyntruds an einem Sonntag empfangen haben müsste, was bei Zustellung durch den amtlichen Briefträger kaum wahrscheinlich ist. Jedenfalls besucht Moscheles seinen Patienten am Freitag derselben Woche erneut, ohne jedoch empfangen zu werden (Kapitel 38). Addiert man die Anzahl der Tage, die seit der letzten konkreten Angabe „Mitte März“ genannt wurden, so ergibt sich für diesen verhinderten Besuch Moscheles’ etwa Ende März 1895 [1896]. Von nun an kommen keine konkreten Daten mehr vor. Die Konsultation der Buschen erfolgt offensichtlich erst nach Verlauf von etlichen Tagen („So verging Tag um Tag“; Kapitel 38), und es vergehen vermutlich einige weitere Tage, bis die Briefe von Melusine und Armgard eintreffen und Lorenzen (am selben Tag) Dubslav besucht (Kapitel 38). Über den Zeitpunkt des Eintreffens Adelheids erfahren wir nichts (Kapitel 39); gesichert ist nur, dass Dubslav „noch keine acht Tage“ später ihrer Anwesenheit überdrüssig wird und Agnes in den Haushalt aufnimmt, sodass Adelheid am folgenden Tag das Haus verlässt (Kapitel 39). Eine Woche danach werden Agnes und Elfriede alte Zeitungen zum Zeitvertreib vorgelegt, „mehrere Tage“ später beschäftigt Agnes sich mit Exponaten aus Dubslavs Museum (Kapitel 40). Zu den Besuchen Krippenstapels, Unckes und Lorenzens (Kapitel 41) sowie den Ereignissen des 42. Kapitels finden sich – abgesehen davon, dass zwischen den Besuchen Krippenstapels und Unckes eine Woche vergeht – keinerlei Zeitangaben. Selbst über Dubslavs Tod wird lediglich gesagt, dass er an einem Mittwoch eintrat (Kapitel 43). Es wird sich aber vermutlich in etwa um April oder eher Mai 1895 [1896] handeln. Einen Tag nach seinem Tod (d.h. am Donnerstag) trifft die Todesnachricht bei den Barbys ein (Kapitel 43), am Samstag derselben Woche findet das Begräbnis statt (Kapitel 43-44). Woldemar und Armgard empfangen die Nachricht auf ihrer Hochzeitsreise, jedoch erst nach der Bestattung Dubslavs; sie treten sofort die Rückreise an und erreichen Stechlin vermutliche einige Tage später (Kapitel 45). „Kurz nach Ablauf einer Woche“ kehren sie nach Berlin zurück, um dort eine Wohnung zu beziehen, bevor sie am 21. September 1895 [1896] endgültig nach Stechlin übersiedeln.

Insgesamt beträgt also die Handlungsdauer des Romans fast genau ein Jahr, wobei freilich nur die erste Hälfte dieses Zeitraums die eigentliche Handlung bildet.


© 1991 by Michael Schneider • Letzte Änderung: Samstag, 21. Juli 2007