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Kurzinterpretation von Hermann Hesse:
In Sand geschrieben


In seinem Gedicht „In Sand geschrieben“ vom September 1947 behandelt Hermann Hesse die Vergänglichkeit alles Schönen, an dem sich der Mensch erfreut. Dabei geht er zunächst unter Nennung zahlreicher Beispiele darauf ein, dass „das Schöne und Berückende“, das „Köstliche, Entzückende, Holde“ (I.1,3f.), d.h. alles, woran sich der Mensch ergötzt, einem „Hauch und Schauer“ gleicht (I.2) und „ohne Dauer“ ist (I.4). Er spricht konkret die „Wolke“ an, die vorüberzieht und nicht festgehalten werden kann, die „Blume“, die im Herbst verwelkt und stirbt, die „Seifenblase“, die unweigerlich zerplatzt, das „Feuerwerk“, das nur einen kurzen Moment sichtbar ist, das „Kinderlachen“, das schnell in Weinen umschlagen kann, und den „Frauenblick im Spiegelglase“, der im Alter seine Anziehungskraft verliert (I.5–7). Alle diese „wunderbare[n] Sachen“ (I.8), deren Schönheit Hesse durch die Verwendung eines reichen Reims (I.1,3) äußerlich hervorhebt, sind nur „von Augenblickes Dauer“ (I.10), sie können nicht festgehalten, nicht konserviert werden. Sie sind ebenso vergänglich und flüchtig wie „ein Duft und Windeswehen“ (I.11), wie Hesse es metaphorisch ausdrückt. Es besteht also eine untrennbare Verbindung zwischen Schönheit und Vergänglichkeit. Dies geht besonders aus den Versen 21–23 der ersten Strophe hervor, in denen das „innigst Schöne, Liebenswerte“ als „stets nah am Sterben“ bezeichnet wird. Der Tod ist somit etwas Unabdingbares, zugleich aber auch etwas Natürliches, da er im Wesen alles Schönen enthalten ist.

Ein besonders deutlicher Beweis für die Vergänglichkeit des Schönen ist die Musik, auf die Hesse in den Versen 24–32 der ersten Strophe eingeht. Die Musik ist unaufhaltsam; sie lässt sich nicht an einer beliebigen Stelle „halten“ oder „bannen“ (I.30), selbst nicht für die Dauer eines Herzschlags (I.29). Stattdessen „schwindet“ jeder Ton, kaum dass er „angeschlagen“ wurde, bereits dahin „und rinnt von dannen“ (I.32). Damit steht die Musik exemplarisch für alles Schöne, aber Flüchtige; sie wird vom Autor als „das Köstlichste“ bezeichnet, das „im Entstehen schon [enteilt]“ (I.25f.). Je schöner eine Sache, desto vergänglicher ist sie auch.

Warum nun gerade das Vergängliche, Flüchtige das Herz des Menschen berührt und erfreut, beschreibt Hesse in der zweiten Strophe. Der Mensch ist dem „Flüchtigen“, „Fließenden“ deshalb „treu und brüderlich ergeben“ (II.1–3), weil es Wesensverwandtes in ihm berührt. Denn er selbst ist ja auch vergänglich, er gleicht auch den flüchtigen Seifenblasen, er ist „zeitvermählt“, d.h. an die Zeit gebunden und nicht ewig, und „dauerlos“, d.h. sein Leben ist nur von kurzer Dauer (II.8f.). Deshalb kann er das ebenso vergängliche Schöne als „Bruder“ betrachten (vgl. II.3: „brüderlich ergeben“); es ist wie er zunächst von Leben gekennzeichnet (vgl. bes. II.2), wohingegen das Dauerhafte, Beständige tot ist. Schönheit ist also untrennbar mit Leben verbunden, aber auch mit Vergänglichkeit und Tod. Damit gehören auch Leben und Tod untrennbar zusammen. Das Leben ist vergänglich und nicht ewig, der Tod ist das natürliche Ende alles Schönen und allen Lebens. Und gerade darum fühlt sich der Mensch dem Vergänglichen zugeneigt, das ihm gleicht. Nur das Unbeständige, Kurzlebige berührt sein Herz, und zwar sowohl in Form von Freude als auch in Form von Schmerz, wie aus den Versen 17f. der zweiten Strophe hervorgeht. Hesse zählt in diesem Zusammenhang nochmals eine Reihe von Dingen auf, die das Herz der Menschen, die hier metaphorisch als „Wind- und Seifenblasenseelen“ (II.8), d.h. als unbeständig und kurzlebig bezeichnet werden, berühren – allesamt Dinge, die nicht bleibend sind, nicht festgehalten werden können. Der Autor spricht hier vor allem Naturphänomene an: den „Tau am Blatt der Rose“, „eines Vogels Werben, eines Wolkenspieles Sterben, Schneegeflimmer, Regenbogen, Falter“ (II.10–14), aber auch „eines Lachens Läuten“ (II.15), das ebenso nicht von Dauer ist. Dieser letzte Aspekt wird durch die metaphorische Formulierung besonders hervorgehoben, denn auch das Läuten von Glocken ist zeitlich begrenzt. Alle diese Dinge können dem Menschen „ein Fest bedeuten oder wehtun“ (II.17f.). Sie erreichen sein Gefühl.

Ganz im Gegensatz dazu steht das „Dauerhafte, Starre“ (I.13), das „nicht das Innerste der Seelen“ erreicht (I.20). Edelsteine, Goldbarren, Sterne und Felsen, die als Beispiele angeführt werden (I.15–17, II.6), sind der menschlichen Natur „fern und fremd“ (I.18), da sie nichts Wesensverwandtes im Menschen berühren. Sie sind zwar beständig und dauerhaft, aber auch tot und haben daher keinen Zugang zum menschlichen Herzen. Sie können es allenfalls „ermüden“ (II.5), da sie den denkbar größten Gegensatz zu ihm darstellen. Hesse unterstützt die nicht vorhandene emotionale Wirkung des Bleibenden z.B. durch das Oxymoron „Edelstein mit kühlem Feuer“ (I.15): Von den Juwelen mag zwar ein gewisser Zauber ausgehen, doch können sie den Menschen nicht wahrhaft erfreuen, ihr „Feuer“ ist „kühl“. Das Gleiche gilt für die Goldbarren, denen der Autor durch die Alliteration „glänzendschwere Goldesbarre“ Bedeutung verleiht, die aber auch keine wirkliche Freude hervorrufen können.

Voraussetzung für wahre Freude an schönen Dingen ist somit, dass sie den Menschen gleichen (vgl. I.18f., II.19), was wiederum beinhaltet, dass sie wie er vergänglich und kurzlebig sind. Diese Tatsache, dass alles Schöne nur ein „Hauch und Schauer“ ist (I.2), mag den Menschen zwar mit Trauer erfüllen (I.12: „Ach, wir wissen es mit Trauer“), ist aber doch eine unausweichliche Tatsache, die eben daraus verständlich wird, dass der Mensch wahre Freude nur im Wesensverwandten erleben kann. Der Schluss des Gedichts fasst gewissermaßen die Quintessenz noch einmal zusammen: „Wir lieben, was uns gleich ist und verstehen, was der Wind in Sand geschrieben“ (II.18–20). Die Textaussage wird dabei durch die Anapher „Was“ und durch die Metapher im letzten Vers gestützt: Was der Wind in den Sand „schreibt“, ist nur für eine kurze Zeit sichtbar, danach wird es wieder verweht. Ebenso ist das menschliche Leben und alles Schöne nur von sehr kurzer Dauer.

Abschließend einige Bemerkungen zu formalen Aspekten. Das Gedicht besteht aus zwei Strophen, von denen die erste 32, die zweite 20 recht kurze Verse umfasst. Die Kürze der Verse unterstreicht das Unbeständige, Eilende, Hastige, das alles Vergängliche und alles Leben kennzeichnet; mit längeren Versen wäre eine vergleichbare Wirkung nicht leicht erreichbar gewesen. Es überwiegen vierhebige Trochäen, lediglich in den Versen mit reichen Reimen (I.1,3, II.1,4,5,7) sind Unregelmäßigkeiten zu finden. Das Reimschema ist uneinheitlich: Es kommen sowohl Kreuz- als auch Paar- als auch umarmende Reime vor. Die erste Strophe beginnt mit drei Kreuzreimen, es folgen drei umarmende Reime, ein Paarreim und ein unregelmäßiges Schema (abbcac). In der zweiten Strophe sind ein umarmender, ein Kreuz- und drei Paarreime zu finden, abschließend wiederum ein unregelmäßiges Schema (abacba). Diese formalen Unregelmäßigkeiten können als bewusster Kontrast zu dem im Gedicht negativ beurteilten „Starren“ (I.13) gedeutet werden. Weibliche Kadenzen dominieren deutlich: Es kommen nur eine männliche Kadenz (I.2,4) sowie die drei bereits genannten reichen Reime vor. Das Gedicht wird sehr stark von Aufzählungen bestimmt (I.5ff., II.7ff. usw.), die die angesprochenen Aspekte illustrieren und ihnen eine besondere Bedeutungsschwere zukommen lassen.


© 1989 by Michael Schneider • Letzte Änderung: Sonntag, 22. Juli 2007